VERANSTALTUNGEN

Big Brother Gone – Europa und das Ende der Pax Americana

Bericht zum Vortrag von Dr. Marco Overhaus

Eine zentrale Gewissheit europäischer Nachkriegspolitik steht zur Disposition: die Annahme, dass die Vereinigten Staaten dauerhaft als Sicherheitsgarant und ordnungspolitischer Anker Europas fungieren. Unter dem Titel „Big Brother Gone – Europa und das Ende der Pax Americana“ wurde die inzwischen offen zutage tretende Erosion jener Ordnung, die über Jahrzehnte hinweg militärische Abschreckung, wirtschaftliche Offenheit und liberaldemokratische Normen miteinander verband analysiert.

Vortragender war Dr. Marco Overhaus, stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe Amerika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Moderiert wurde die Veranstaltung von Julia Werner (SW&D).

Bündnisgarantien unter Vorbehalt

Wer A sagt, muss auch B sagen – und wer von der Pax Americana spricht, muss einen Blick auf ihre sicherheitspolitische Dimension werfen. Dass die USA für Europa kein verlässlicher Sicherheitsgarant mehr sind, ging spätesten aus der neuen nationalen Sicherheitsstrategie der US-Regierung hervor. Militärische Beistandszusagen werden zunehmend konditionalisiert und verstärkt an innenpolitische Interessenslagen und wirtschaftliche Kalküle geknüpft. Zwar verfügten die Vereinigten Staaten weiterhin über den weltweit größten Militärhaushalt, doch verliere diese Überlegenheit an politischer Wirksamkeit, so Dr. Marco Overhaus: Abschreckung und Rückversicherung funktionierten nicht mehr automatisch, sondern setzten Glaubwürdigkeit voraus – und genau diese stehe inzwischen infrage.

Damit gerät auch der bisherige strategische Bezugsrahmen der NATO ins Wanken. Die Vorstellung einer dauerhaft asymmetrischen Arbeitsteilung zwischen den USA als Schutzmacht und Europa als sicherheitspolitischem Juniorpartner erscheine unter diesen Bedingungen nicht länger tragfähig.

Geoökonomie statt Offenheit: Die wirtschaftliche Neujustierung amerikanischer Macht

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf dem Paradigmenwechsel in der US-amerikanischen Außenwirtschaftspolitik. Das lange dominierende Leitbild offener Märkte sei schrittweise durch eine geoökonomische Logik ersetzt worden, in der wirtschaftliche Beziehungen primär als Machtinstrumente verstanden werden. Effizienzgewinne durch Arbeitsteilung wären nicht mehr das oberste Ziel. Stattdessen stünde die Frage im Vordergrund, wer im Krisenfall abhängig sei – und wer Druck ausüben könne.

Für Europa bedeute dies eine doppelte Herausforderung: Einerseits verliere der transatlantische Wirtschaftsraum seinen normativen Vorbildcharakter, andererseits wachse der Druck, eigene industrie-, technologie- und handelspolitische Interessen selbstbewusster und autonomer zu definieren.

Die normative Krise: Demokratie unter Selbstbeschuss

Und dann wäre da noch die innere Verfasstheit der Vereinigten Staaten. Die Krise der Pax Americana sei untrennbar mit einer Krise der US-amerikanischen Demokratie verbunden. Zweifel an der Integrität von Wahlen, die Ausweitung exekutiver Macht, die Politisierung der Justiz sowie eine grundlegende Erosion liberaler Werte untergrüben jene normative Strahlkraft, die amerikanische Führungsansprüche lange legitimiert habe.

Damit verliere die US-Außenpolitik an Kohärenz. Für europäische Akteure stelle sich nun zunehmend die Frage, auf welcher Wertebasis transatlantische Partnerschaft künftig gedacht werden könne.

Europäische Antworten

Aus der Diagnose folgte eine klare politische Konsequenz: Europäische Politik müsse zentrale Annahmen der vergangenen Jahrzehnte überwinden. Weder sei die sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA unabänderlich, noch könne auf ein dauerhaftes amerikanisches Engagement in Europa vertraut werden.

Als möglicher Ausweg wurde eine Europäisierung der NATO skizziert. Diese müsse jedoch über bestehende Initiativen hinausgehen und sowohl militärische Fähigkeiten als auch politische Entscheidungsstrukturen umfassen. Eine eigenständigere europäische Willensbildung, so die Argumentation, sei Voraussetzung dafür, das transatlantische Verhältnis auf eine neue, weniger asymmetrische Grundlage zu stellen.

Jenseits der Pax Americana: Konkurrenz um die zukünftige Weltordnung

Abschließend blickte der Vortrag auf die globale Ebene. Die Zeit nach der Pax Americana sei nicht zwangsläufig post-amerikanisch, wohl aber pluraler und konfliktreicher. Dabei konkurrierten zwei grundlegend unterschiedliche Vorstellungen von Multipolarität: eine illiberale Ordnung, geprägt von Einflusszonen und Machtpolitik, und eine multilaterale Variante, die auf reformierte Institutionen, stärkere Beteiligung des Globalen Südens und kooperative Problemlösungen setze.

Welcher dieser Ordnungsentwürfe sich durchsetzen werde, so das implizite Fazit, hänge nicht zuletzt von Europas Fähigkeit ab, sicherheits-, wirtschafts- und normpolitisch handlungsfähiger zu werden. Der Abschied von der Pax Americana sei damit weniger ein Endpunkt als ein offener Prozess – voller Risiken, aber auch politischer Gestaltungsräume.

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Mehr Informationen

Impressionen vom Vortrag

Fotos: Eckhard Schmelter / SW&D

Ansprechperson:

Julia Jamila Werner
Wissenschaftliche Referentin Veranstaltungen

TEL 0431 / 97 999 846
E-MAIL events@swud.org

Julia Jamila Werner
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