Bericht zum Vortrag von Prof. Dr. Gerlinde Groitl
Die internationale Ordnung befindet sich in einer Phase tiefgreifender Umbrüche. Gewissheiten, die lange als stabil galten, geraten zunehmend ins Wanken. Die Selbstverständlichkeit einer liberal geprägten Weltordnung, wie sie sich nach dem Ende des Kalten Krieges herausbildete, ist einer Phase offener Konkurrenz gewichen; neue Machtkonstellationen entstehen.In diesem Spannungsfeld rückt die Rivalität zwischen demokratischen und autoritären Systemen immer stärker in den Fokus – ein Wettstreit, der über klassische Machtpolitik hinausgeht und grundlegende Fragen nach Werten, Ordnungsvorstellungen aufwirft. Genau diesem Themenkomplex widmete sich die Veranstaltung „Systemrivalität – Demokratien und Autokratien im Wettstreit um Werte und Macht“.
Vortragende war Prof. Dr. Gerlinde Groitl, Leiterin des Instituts für Sicherheit und Strategie und Professorin für Internationale Politik an der Universität Regensburg. Moderiert wurde die Veranstaltung von Julia Werner (SW&D).
Systemrivalität als prägendes Merkmal der Gegenwart
In ihrem Vortrag entfaltete Professorin Groitl eine Analyse der gegenwärtigen Systemrivalität. Sie machte deutlich, dass es sich nicht um eine Rückkehr zu alten Blocklogiken handelt, sondern um einen vielschichtigen Wettbewerb um politische, wirtschaftliche und normative Deutungshoheit. Demokratien und Autokratien stünden heute in einem globalen Kräftemessen, in dem Machtansprüche und Wertvorstellungen untrennbar miteinander verwoben seien. Systemrivalität, so eine zentrale Argumentation, sei kein eindimensionales Konzept, sondern das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen Machtansprüchen, ideellen Überzeugungen und strukturellen Bedingungen der internationalen Ordnung.
Besonders eindrücklich wurde gezeigt, wie autoritäre Systeme zunehmend selbstbewusst alternative Ordnungsmodelle propagieren und versuchen, internationale Normen, Institutionen und Diskurse in ihrem Sinne zu prägen. Damit werde die liberale internationale Ordnung nicht nur herausgefordert, sondern in ihren Grundfesten infrage gestellt. Systemrivalität vollziehe sich nicht allein auf geopolitischen Schauplätzen, sondern auch im Ringen um Narrative, Legitimität und gesellschaftliche Attraktivität.
Werte unter Druck, Macht im Fokus
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der engen Verschränkung von Machtpolitik und normativen Fragen. Prof. Dr. Groitl verdeutlichte, dass autoritäre Staaten ihre innenpolitischen Ordnungsmodelle zunehmend nach außen tragen und als vermeintlich effiziente Alternativen präsentieren. Gleichzeitig gerieten demokratische Werte wie Rechtsstaatlichkeit, individuelle Freiheitsrechte und politische Teilhabe unter Druck – nicht nur durch äußere Akteur*innen, sondern auch durch Erosionsprozesse innerhalb demokratischer Gesellschaften selbst.
Diese doppelte Herausforderung mache die aktuelle Phase besonders anspruchsvoll. Demokratien müssten sich nicht nur gegen externe Einflussversuche behaupten, sondern zugleich ihre eigene normative Substanz stärken. Glaubwürdigkeit, Kohärenz und die Fähigkeit zur Selbstreflexion seien dabei entscheidende Ressourcen im Wettbewerb der Systeme.
Handlungsspielräume und Verantwortung der Demokratien
Was sollten Demokratien angesichts aktueller Herausforderungen nun tun? Gerlinde Groitl zufolge sollten Demokratien ihre Werte nicht defensiv oder rein reaktiv verteidigen. Vielmehr gehe es darum, die eigene Attraktivität durch funktionierende Institutionen, soziale Teilhabe und eine konsequente Bindung an das Völkerrecht unter Beweis zu stellen.
Zugleich warnte sie vor vereinfachenden Dichotomien. Autoritäre Systeme seien keine homogenen Blöcke, sondern ebenfalls von inneren Spannungen, Legitimationsdefiziten und gesellschaftlichen Widersprüchen geprägt. Eine differenzierte Analyse sei daher Voraussetzung für eine kluge und wirksame demokratische Strategie im Umgang mit der Systemrivalität.
Impressionen vom Vortrag











Fotos: Eckhard Schmelter / SW&D