Bericht zum Impulsvortrag von Dr. Astrid Kuhn
Wissenschaftliche Erkenntnisse begleiten politische Debatten. Ob der Klimawandel, die Covid-19-Pandemie, der Umgang mit einem gestrandeten Wal oder Künstliche Intelligenz – politische Entscheidungen werden häufig mit Bezug zur Wissenschaft getroffen. Aber welchen Einfluss hat Wissenschaft auf Politik und Gesellschaft? Wie groß sollte dieser Einfluss sein? Wo liegen die Grenzen wissenschaftlicher Beratung? Und wie lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse mit demokratischen Entscheidungsprozessen vereinbaren? Vor dem Hintergrund dieser Fragen lud die Veranstaltung „Die Rolle der Wissenschaft in der Demokratie“ dazu ein, in einem geschlossenen Austauschformat das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie gemeinsam mit der diesjährigen Kohorte des Politiknachwuchs e.V. näher zu beleuchten.
Referentin war Dr. Astrid Kuhn, Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Wissenschaft und Demokratie (SW&D).
Wissenschaft und Demokratie – Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Ein zentraler Ausgangspunkt des Vortrags war die Frage, wie Wissenschaft und Demokratie zueinander stehen. Dabei wurde deutlich, dass beide Systeme unterschiedlichen Logiken folgen. Wissenschaft orientiere sich am Streben nach Erkenntnis und dem Ideal der Wertfreiheit. Ihre Ergebnisse bleiben grundsätzlich vorläufig und können durch neue Erkenntnisse korrigiert werden. Demokratie hingegen basiere auf Mehrheiten, gesellschaftlichen Wertvorstellungen und dem Anspruch, verlässliche Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen.
Trotz dieser Unterschiede verbinde Wissenschaft und Demokratie eine wesentliche Gemeinsamkeit: Beide seien auf offenen Diskurs und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven angewiesen. Wissenschaftlicher Fortschritt entstehe durch kritisches Hinterfragen und den Wettbewerb von Argumenten – ebenso lebe Demokratie von der Aushandlung unterschiedlicher Positionen und Interessen. Zugleich seien beide aufeinander angewiesen: Wissenschaft könne politische Entscheidungen auf eine fundierte Wissensbasis stellen, während demokratische Strukturen etwa die Freiheit von Forschung und Lehre sichern.
Zwischen Wissenschaft und politischer Verantwortung
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die Rolle von Wissenschaft bei politischen Entscheidungen. Dr. Astrid Kuhn betonte, dass wissenschaftliche Erkenntnisse ein wichtiges Fundament für politische Entscheidungen bilden können. Sie helfen dabei, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, mögliche Folgen politischen Handelns abzuschätzen und unterschiedliche Handlungsoptionen aufzuzeigen. Wissenschaft liefere damit Orientierung, sie trifft jedoch keine politischen Entscheidungen.
Entscheidend sei die klare Trennung der Rollen von Wissenschaft und Politik. Während Wissenschaft Erkenntnisse bereitstellt, entscheidet die Politik darüber, welche Ziele verfolgt und welche Interessen gegeneinander abgewogen werden sollen. Wissenschaftliche Forschung sei dabei weder mit unumstößlichen Wahrheiten noch mit bloßen Meinungen gleichzusetzen. Sie beruhe auf methodischer Prüfung, bleibe aber grundsätzlich offen für neue Erkenntnisse und Korrekturen. Wissenschaft könne politische Entscheidungen nicht ersetzen. Wissenschaft ist nicht legitimiert politische Entscheidungen zu treffen.
Herausforderungen in Krisenzeiten
Besondere Aufmerksamkeit galt der Rolle von Wissenschaft in Krisensituationen. In Zeiten großer Unsicherheit wachse die Erwartung, Wissenschaft könne eindeutige Antworten auf komplexe Probleme liefern. Der Vortrag machte jedoch deutlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse politische und gesellschaftliche Zielkonflikte nicht auflösen können. Werden wissenschaftliche Aussagen als alleinige Grundlage politischen Handelns verstanden, bestehe die Gefahr, dass Wertfragen und demokratische Aushandlungsprozesse in den Hintergrund geraten.
Darüber hinaus wurde auf aktuelle Herausforderungen für die Wissenschaft eingegangen. Diskutiert wurden sowohl politische Einflussmöglichkeiten auf wissenschaftliches Arbeiten als auch Versuche populistischer und autoritärer Akteur*innen, wissenschaftliche Institutionen und Erkenntnisse zu delegitimieren. Vor diesem Hintergrund rückte auch die Frage nach der Neutralität von Wissenschaft und den Voraussetzungen ihrer Unabhängigkeit in den Fokus.
Zum Abschluss ging Dr. Kuhn auf den Umgang mit wissenschaftlichen Informationen im Alltag ein. Wissenschaftliche Aussagen sollten kritisch hinterfragt werden: Was wird gesagt? Wer sagt es? Und wie wird es gesagt? Zugleich sei es wichtig, mit Unsicherheiten umgehen zu können. Akteur*innen in der Wissenschaft lieferten nicht gleichlautende eindeutige Antworten. Ein reflektierter Umgang mit dieser Unsicherheit, so das Fazit des Vortrags, ist eine wichtige Voraussetzung für eine informierte demokratische Öffentlichkeit.
Impressionen vom Vortrag









Fotos: Eckhard Schmelter / SW&D