VERANSTALTUNGEN

Wie verteidigen wir die internationale liberale Ordnung?

Die neue US-Sicherheitsstrategie und ihre Folgen für Europa und Deutschland

Bericht zum Vortrag von Dr. Stefanie Babst

Eine zentrale Gewissheit der Nachkriegsordnung gerät zunehmend ins Wanken: die Vorstellung, dass internationale Stabilität durch verbindliche Regeln, multilaterale Institutionen und die Führungsrolle der Vereinigten Staaten dauerhaft gesichert werden kann. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen, einer Rückkehr machtpolitischen Denkens und der sichtbaren Erosion normativer Grundlagen stellt sich dringlicher denn je die Frage, wie tragfähig die internationale liberale Ordnung noch ist – und welche Folgen sich aus diesem Wandel für Europa und Deutschland ergeben.

Vor diesem Hintergrund sprach Dr. Stefanie Babst, Expertin für Sicherheitspolitik und Publizistin, am 28. April 2026 in der Stiftung Wissenschaft und Demokratie über die neue US-Sicherheitsstrategie und ihre Folgen für Europa und Deutschland. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Verein Wirtschaft für einen weltoffenen Norden durchgeführt und von Bärbel Boy sowie Peter Schottes (Vorstand*in des Vereins) moderiert.

Die liberale Weltordnung unter Druck

Zu Beginn zeichnete Babst die historische Entwicklung der sogenannten internationalen liberale Ordnung nach. Diese sei nach den Katastrophen zweier Weltkriege mit dem Ziel entstanden, Machtpolitik durch verbindliche Regeln zu ersetzen. Zentrale Elemente wie das Gewaltverbot, der Schutz der Menschenrechte und das Selbstbestimmungsrecht der Völker seien durch Institutionen wie die Vereinte Nationen und das Völkerrecht verankert worden.

Gleichzeitig machte sie deutlich, dass diese Ordnung nie frei von Widersprüchen gewesen sei. Insbesondere Staaten des globalen Südens kritisierten seit langem die selektive Anwendung der Regeln – weniger die Normen selbst als vielmehr deren politisch motivierte Auslegung. Auch Europa und Deutschland hätten sich zwar als Verteidiger dieser Ordnung verstanden, seien jedoch mit Blick auf die teilweise selektive Anwendung dieser Normen nicht frei von Doppelstandards gewesen.

Der Bruch mit bisherigen Gewissheiten

Im Zentrum des Vortrags stand die Analyse der neuen US-Sicherheitsstrategie unter Präsident Donald Trump. Babst beschrieb einen fundamentalen Bruch mit der bisherigen Rolle der USA als Garant der internationalen liberalen Ordnung. Die neue Strategie folge dem Prinzip „America First“ und erinnere in Teilen an eine modernisierte Monroe-Doktrin. Internationale Regeln und Institutionen verlören darin an Bedeutung; stattdessen dominiere ein transaktionales Verständnis von Politik („pay and play“).

Besonders eindrücklich zitierte sie Trumps Aussage, er benötige kein internationales Recht – ein Signal, das weit über die USA hinauswirke. Die Vereinigten Staaten hätten sich bereits aus zahlreichen internationalen Organisationen zurückgezogen. Parallel dazu werde eine strategische Annäherung an Russland angestrebt, während multilaterale Strukturen weiter geschwächt würden.

Europa im Fokus amerikanischer Kritik

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der zunehmend konfrontativen Haltung Washingtons gegenüber Europa. Die US-Regierung kritisiere nicht nur wirtschaftliche und regulatorische Aspekte der Europäischen Union, sondern stelle auch deren politisches und gesellschaftliches Modell grundsätzlich infrage. Themen wie Migration, Meinungsfreiheit, nationale Souveränität und demografische Entwicklungen würden dabei gezielt aufgegriffen.

Zugleich unterstützten Teile des politischen Umfelds der US-Regierung rechtspopulistische und nationalkonservative Kräfte in Europa. Babst verwies auf ein wachsendes Netzwerk von Denkfabriken und politischen Akteuren, die ideologisch an die MAGA-Bewegung anknüpfen. Diese Entwicklung könne langfristig die politische Stabilität und Kohärenz der Europäischen Union erheblich beeinflussen.

Geopolitische Verschiebungen und systemische Konkurrenz

Neben den USA betrachtete Babst auch andere zentrale Akteure: Wladimir Putin habe die internationale liberale Ordnung stets als westliches Machtinstrument kritisiert und sich durch den Angriff auf die Ukraine faktisch gegen das Gewaltverbot gestellt. Xi Jinping wiederum positioniere die Volksrepublik China als Verteidigerin der internationalen Ordnung – obwohl China selbst wiederholt gegen Prinzipien der liberalen Ordnung verstößt. Dabei verfolge China Babst zufolge primär eigene strategische Interessen und beanspruche zunehmend eine Führungsrolle für den globalen Süden.

Insgesamt entstehe eine Welt, in der machtpolitisches Denken wieder stärker in den Vordergrund trete – eine Entwicklung, die die Grundlagen internationaler Kooperation herausfordere.

Handlungsoptionen für Europa und Deutschland

Abschließend formulierte Babst konkrete Ansätze zur Stärkung der internationalen liberalen Ordnung.

Erstens plädierte sie für eine Reform und Weiterentwicklung multilateraler Institutionen – notfalls auch ohne die USA – sowie für engere Kooperationen zwischen demokratischen Staaten.

Zweitens forderte sie mehr Konsequenz und Glaubwürdigkeit in der Anwendung internationaler Normen. Selektive Auslegungen müssten überwunden und politische Verantwortung klar benannt werden.

Drittens unterstrich sie die Notwendigkeit einer stärkeren europäischen Eigenständigkeit. Strategische Souveränität bedeute nicht Abschottung, sondern die Fähigkeit, eigenständig handlungsfähig zu sein – militärisch wie zivil.

Viertens hob sie die Bedeutung resilienter Demokratien hervor. Angesichts wachsender Desinformation, auch durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, brauche es leistungsfähige staatliche Strukturen und eine Stärkung demokratischer Prozesse.

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Mehr Informationen

Impressionen vom Vortrag

Fotos: Eckhard Schmelter / SW&D

Ansprechperson:

Julia Jamila Werner
Wissenschaftliche Referentin Veranstaltungen

TEL 0431 / 97 999 846
E-MAIL events@swud.org

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