Bericht zum Seminar mit Matthias Lemke und der Muthesius Kunsthochschule
Am 10. und 11. September 2026 fand gemeinsam mit der Muthesius Kunsthochschule und Matthias Lemke (Politikwissenschaftler und Demokratieberater) das zweitägige Seminar „Fragile Konstrukte – Künstlerische Perspektiven auf Spannungen und Potenziale demokratischer Ordnung“ statt. Ziel des Seminars war es, politische Bildung und künstlerische Praxis miteinander zu verbinden und interdisziplinäre Perspektiven auf Demokratie zu eröffnen. Für die Kunststudierenden erschien Demokratie dabei nicht als fertige oder selbstverständliche Ordnung, sondern als etwas Irritierendes, Schwieriges, Zerbrechliches und Gefährdetes. Eine erste gemeinsame Annäherung machte deutlich, dass das Funktionieren einer demokratischen Ordnung auf verbindlichen Regeln, Verfahren und Rechten beruht, zugleich aber auch wesentlich davon abhängt, dass Einzelne diese Ordnung mittragen und sich aktiv in sie einbringen. Demokratie entsteht damit nicht allein durch institutionelle Strukturen, sondern auch durch das Handeln, die Beteiligung und die Verantwortungsübernahme jedes und jeder Einzelnen. Daraus ergaben sich Fragen danach, wie viel individuelles Engagement eine demokratische Gesellschaft braucht, wo die eigenen Handlungsspielräume liegen und was es bedeutet, Verantwortung für das Funktionieren der Demokratie zu übernehmen.
Die politikwissenschaftlichen Konzepte der Hegemonie nach Gramsci und Laclau/Mouffe sowie der Gouvernementalität nach Foucault boten dabei Anknüpfungspunkte, um über gesellschaftliche Handlungsspielräume nachzudenken. Mit Postdemokratie und Postfaktizität richtete sich der Blick schließlich auf die Bedingungen politischer Öffentlichkeit und die Frage, was mit demokratischer Auseinandersetzung geschieht, wenn immer neue Themen in den Diskurs eingespeist werden und dadurch eine kontinuierliche Beschäftigung mit einzelnen politischen Fragen erschwert wird. Diese theoretischen Perspektiven wurden immer wieder mit der künstlerischen Praxis verbunden: Kann Kunst produktiv irritieren, Strukturen und Vertrautes infrage stellen und dadurch neue Zugänge zu demokratischen Fragen eröffnen?
Kunst als politische Praxis
So wurde ein besonderer Schwerpunkt auf das Verhältnis von Demokratie, Zivilgesellschaft und Kunst gelegt. Die drei Bereiche wurden als miteinander verzahnte Praktiken dargestellt. Kunst wurde in diesem Zusammenhang als etwas identifiziert, das bestehende Ordnungen sichtbar machen, irritieren und Handlungsmöglichkeiten eröffnen kann, zugleich aber auch in der Lage ist, Verbindung zu schaffen oder Ausschluss zu (re-)produzieren.
Dabei kann Kunst auch körperlich und unmittelbar erfahrbar sein, wie Prof. Dr. Axel Loytved und Tillman Terbuyken (Muthesius Kunsthochschule) verdeutlichten – etwa anhand einer Fotographie des Künstlers Jiří Kovanda, die das bewusste Umdrehen auf einer Rolltreppe und den direkten Blickkontakt mit der dahinterstehenden Person zeigt. Dies fungiert als ein Beispiel für das Verschieben alltäglicher Handlungsmuster. Damit wird veranschaulicht, dass über eine künstlerische Handlung Kontakt entstehen kann – und gerade dieser Kontakt soziopolitische Phänomene wie Anonymität und Distanz sichtbar machen kann. Als Beispiele für eine solche Verbindung von Kunst und politischer Intervention wurde unter anderem auch das Zentrum für Politische Schönheit herangezogen.
Demokratie und Sprache
Weiterhin richtete sich der Blick auf die symbolischen und sprachlichen Grundlagen demokratischer Ordnung. Begriffe wie „dem deutschen Volke“ führten zur Auseinandersetzung mit dem Volksbegriff, während Heinrich Heines Idee einer „Revolution des Wortes“ die Bedeutung von Sprache für gesellschaftliche Ordnung und politische Veränderung öffneten.
Die theoretischen Zugänge reichten von klassischen Demokratietheorien – etwa der Typologie des Aristoteles – bis hin zu Fragen der modernen Demokratie, ihrer Institutionen und Voraussetzungen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Menschenwürde sowie dem Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip als zentrale Bestandteile der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Postfaktizität richtete den Blick zudem auf die Bedingungen politischer Orientierung in einer Öffentlichkeit, in der die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit selbst zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden kann. Dies regte dazu an, die Bedeutung von Sprache und politischer Urteilsbildung für eine demokratische Gesellschaft kritisch denken.
Politische Bildung als gemeinsamer Möglichkeitsraum
Das Seminar machte deutlich, dass politische Bildung dort besonders produktiv werden kann, wo sie nicht bei der Vermittlung von Wissen stehen bleibt, sondern Räume für Austausch, eigene Gedanken und Ansätze eröffnet. Die Verbindung von politikwissenschaftlicher Theorie und künstlerischer Praxis ermöglicht es, Demokratie aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und dabei auch vermeintlich Selbstverständliches neu zu beleuchten. Fragen nach Handlungsspielräumen, Verantwortung, Zugehörigkeit, Sprache und gesellschaftlicher Teilhabe wurden so nicht nur theoretisch diskutiert, sondern mit konkreten künstlerischen Ausdrucksformen und Erfahrungen verbunden.
Auf Grundlage der theoretischen Impulse und gemeinsamen Diskussionen folgt nun eine praktische künstlerische Auseinandersetzung der Studierenden. Die dabei entstehenden Arbeiten greifen zentrale Fragen und Spannungsfelder des Seminars auf und übersetzen sie in unterschiedliche künstlerische Formen. So werden die zuvor diskutierten Themen nicht nur weitergedacht, sondern auch sichtbar und erfahrbar. Die entstandenen Arbeiten werden im Rahmen der Langen Nacht der Demokratie im Ausstellungsraum sp_ce ausgestellt und eröffnen damit einen weiteren Raum für Begegnung und gesellschaftlichen Austausch.
Impressionen vom Seminar












Fotos: Eckhard Schmelter / SW&D