VERANSTALTUNGEN

Öl, Eis und Macht: Die neue Klima-Geopolitik und ihre Folgen

Bericht zum Vortrag von Dr. Kira Vinke

Wie verändern der Klimawandel und die globale Energiewende die internationale Politik? Und was geschieht, wenn schmelzendes Eis, fossile Abhängigkeiten und der Wettlauf um strategisch wichtige Rohstoffe zunehmend ineinandergreifen? Diese Fragen standen im Zentrum der Veranstaltung „Öl, Eis, Macht: Die neue Klima-Geopolitik und ihre Folgen“ mit Dr. Kira Vinke (DGAP). Moderiert wurde die Veranstaltung von Julia Werner (SW&D).

Schnell wurde deutlich: Klimapolitik lässt sich längst nicht mehr ausschließlich als Umwelt- oder Nachhaltigkeitspolitik verstehen. Klimatische Veränderungen wirken auf wirtschaftliche Stabilität, internationale (Handels-)beziehungen, gesellschaftliche Konflikte und staatliche Sicherheitsinteressen.

Von der Klimafolge zur geopolitischen Herausforderung

Den Ausgangspunkt bildete die zunehmende Sichtbarkeit der Folgen des Klimawandels. Steigende Temperaturen, langanhaltende Hitzewellen und Dürren seien nicht nur ökologische Phänomene, sondern haben unmittelbare gesellschaftliche und ökonomische Konsequenzen. So sinke die Arbeitsproduktivität ab Temperaturen von etwa 30 Grad Celsius mit jedem zusätzlichen Grad deutlich. Gleichzeitig können Hitze und Dürre erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen.

Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf Sicherheit. Klimawandel wirke häufig nicht als isolierte Ursache politischer Konflikte, sondern als sogenannter „Threat Multiplier“: Bestehende soziale, wirtschaftliche oder politische Spannungen können durch klimatische Veränderungen zusätzlich verschärft werden. Am Beispiel Syriens wurde diese Problematik anschaulich. Für die schwere Dürre von 2007 bis 2010 gebe es Hinweise auf einen Zusammenhang mit Ernteausfällen und Migrationsbewegungen. Gleichzeitig zeige die Forschung, dass Faktoren wie eine geringe staatliche Stabilität für die Entstehung gewaltsamer Konflikte häufig eine größere Bedeutung besitzen.

Gerade diese Differenzierung sei relevant: Der Klimawandel „verursache“ Konflikte nicht automatisch. Er verändere vielmehr die Bedingungen, unter denen politische und gesellschaftliche Konflikte entstehen, eskalieren oder bewältigt werden können. Wo Sicherungssysteme und funktionierende Mechanismen zur Konfliktlösung fehlen, können klimabedingte Schäden besonders weitreichende Folgen haben. Die Entscheidung, Gewalt anzuwenden, treffen jedoch stets die Menschen selbst, betonte Dr. Kira Vinke.

Fossile Abhängigkeiten als geopolitisches Risiko

Ein weiterer Schwerpunkt war die sicherheitspolitische Bedeutung fossiler Abhängigkeiten. Die EU importiere rund 97 Prozent ihres Erdöl- und 88 Prozent ihres Gasbedarfs. Energieversorgung und Außenpolitik sind damit eng miteinander verbunden.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine machte die strategische Dimension dieser Abhängigkeiten besonders deutlich. Die frühere Abhängigkeit von russischem Gas wurde zu einem sicherheitspolitischen Problem. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten. Flüssigerdgas aus den USA kann zur Diversifizierung beitragen, unterliegt aber ebenfalls einer Markt- und Politikvolatilität.

Energiesicherheit müsse deshalb umfassender gedacht werden – als Frage von Versorgung, Infrastruktur, Lieferketten und dem Zugang zu kritischen Rohstoffen. Die Energiewende sei damit nicht nur ein klimapolitisches Projekt, sondern könne auch zur Resilienz beitragen.

Energiewende und neue Abhängigkeiten

Auch erneuerbare Energien benötigen Rohstoffe, Technologien und Produktionskapazitäten. Hier rücke China in den Mittelpunkt. Nach den präsentierten Daten kontrolliere China rund 95 Prozent der Herstellung von Solarpaneelen, etwa 94 Prozent der Produktion permanenter Magnete (für Windkraft relevant) sowie mehr als 90 Prozent der Verarbeitungskapazitäten für seltene Erden. Auch bei Batterietechnologien verfüge das Land über einen hohen Anteil an der globalen Wertschöpfungskette.

Die Energiewende beseitige geopolitische Abhängigkeiten daher nicht vollständig, sondern verlagere sie teilweise.

Vor diesem Hintergrund wurde das Konzept des „De-Risking“ thematisiert. Ziel dessen sei nicht die vollständige wirtschaftliche Entkopplung, sondern die Verringerung strategischer Abhängigkeiten. Dazu gehören auch die Abkehr von russischen Energieträgern, eine stärkere Nutzung heimischer erneuerbarer Energien und die Diversifizierung von Energie- und Rohstoffquellen.

Schmelzendes Eis, neue Seewege und alte Machtfragen

Besonders deutlich wird die neue Klima-Geopolitik in der Arktis. Das arktische Meereis erreicht historische Tiefstände. 2026 wurde das Maximum der Meereisbedeckung bereits am 15. März erreicht; es lag auf dem niedrigsten jemals gemessenen Niveau. Gleichzeitig werden arktische Seerouten zugänglicher.

Das habe geopolitische Konsequenzen: Neue Möglichkeiten für Handel und Schifffahrt entstehen und wirtschaftliche Aktivitäten nehmen zu – ebenso nimmt der Bedarf an Überwachung und Regulierung zu. Das schmelzende Eis verändert nicht nur die natürlichen Bedingungen, sondern auch die strategische Bedeutung der Region und setzt traditionelle Lebensweisen unter Druck.

Eine Perspektive auf Sicherheit

Die Veranstaltung machte deutlich, dass Klima- und Sicherheitspolitik zunehmend gemeinsam gedacht werden müssen. Entscheidend ist dabei nicht nur, wie stark sich das Klima verändert, sondern auch, wie gut politische und wirtschaftliche Strukturen mit diesen Veränderungen umgehen können.

Der Klimawandel kann bestehende Abhängigkeiten verschärfen, neue schaffen und geopolitische Räume verändern. Gleichzeitig reduziert die Energiewende zwar bestimmte fossile Abhängigkeiten, schafft aber auch neue, über die bewusst und zukunftsgerichtet entschieden werden muss.

Es wurde einmal mehr deutlich, dass Sicherheit längst mehr als militärische Fragen umfasst. Energieversorgung, Infrastruktur, Lieferketten, Ernährung, wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftliche Resilienz und der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen werden zunehmend zu sicherheitspolitischen Faktoren.

Ergo: Die Klimakrise verändert nicht nur unsere Umwelt, sondern auch die Bedingungen internationaler Politik. Wer die geopolitischen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts verstehen will, muss Klimapolitik deshalb zunehmend als Teil internationaler Sicherheits- und Ordnungspolitik betrachten.

Impressionen vom Vortrag

Fotos: Eckhard Schmelter / SW&D

Ansprechperson:

Julia Jamila Werner
Wissenschaftliche Referentin Veranstaltungen

TEL 0431 / 97 999 846
E-MAIL events@swud.org

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